Am dritten Prozesstag gab der SOKO Linx-Cop Daniel Mathe Einblicke in die Ermittlungsarbeit und die Zusammenarbeit mit den ungarischen Behörden, bevor einer seiner Mitarbeiter das absurde Theater unter dem Motto „Die schönsten Trambahnstrecken Budapests – Teil 1“ eröffnen durfte. So wurden den ganzen restlichen Prozesstag hindurch nur Videoausschnitte gezeigt, wie sich Menschen durch Budapest bewegen – ein für alle Prozessbeteiligten (außer die sichtlich begeisterten Cops) unfassbar langweiliges Schauspiel, das den Prozess wohl immer wieder prägen wird, wenn das Gericht hierfür kein besseres Vorgehen findet.
Am 11.03.2025 begann mit etwas Verzögerung um 9:40 Uhr der dritte Prozesstag. Hanna wurde wie gewohnt mit Applaus von den solidarischen Genoss*innen im Publikum begrüßt, wobei der Publikumsbereich noch etwas leer war. Aufgrund der langen Wartezeiten an der Sicherheitsschleuse waren die letzten der ca. 70 solidarischen Zuschauer*innen erst eine gute halbe Stunde später im Saal. Dafür fehlten diesmal die beiden Zivis mit Knopf im Ohr – vielleicht war ihnen selbst aufgefallen, dass das nicht so zu 100% unauffällig gewesen war. Zu Beginn der Sitzung erklärte der Vorsitzende Richter Stoll, dass eine als Zeugin geladene Supermarktmitarbeiterin aus Budapest nicht erscheinen werde, da sie kürzlich Mutter geworden sei. Er schlug daher vor, ihr Vernehmungsprotokoll aus Ungarn in Übersetzung zu verlesen. Zudem wollen die angegriffenen Faschos Rafal und Justyna Barnak sowie Bartlomiej Wilk nicht erscheinen, weil sie angeblich Angst um ihre körperliche Unversehrtheit hätten. Eine mögliche Lösung sei eine Videovernehmung. Die Verteidigung habe bis zum nächsten Tag Zeit, sich zu überlegen, ob sie damit einverstanden sei.
Dann war es auch schon so weit und es kam zum Auftritt des SOKO Linx-Cops Daniel Mathe , der auch bereits aus dem Antifa-Ost-Verfahren bekannt ist. Er sollte erklären, was seine Funktion in den Ermittlungen gegen Hanna war und was es mit den Videos auf sich hat, die in den nächsten Prozesstagen gezeigt werden sollen. Er erklärte, dass er einer der beiden Hauptsachbearbeiter des Falls beim LKA Sachsen ist. Auf den Fall seien sie durch ein Twitter-Video aufmerksam geworden, das am 11.3.2023 veröffentlicht wurde und einen der Angriffe zeigen soll. Ihnen sei dabei aufgefallen, dass die Vorgehensweise ähnlich sei zu dem, was sie aus dem Antifa-Ost-Verfahren kennen. Sie hätten daher die ungarischen Behörden kontaktiert, die auch schon einen Beschuldigten aus dem Antifa-Ost-Verfahren als Täter identifiziert haben wollten. Bei einem Treffen in Ungarn sei dem LKA Sachsen dann eine Festplatte mit Videomaterial übergeben worden, anhand dessen sie dann weitere Personen identifiziert hätten. Hanna sei ihnen durch den Austausch mit den bayerischen Kolleg*innen bekannt gewesen und sie hätten auch früh einen Verdacht gehabt, dass sie eine der Personen auf den Videos sein könnte, identifiziert hätten sie sie aber dann erst im Jahr 2024.
Im weiteren Verlauf wurde deutlich, dass das LKA letztlich das Material aus Ungarn einfach unkritisch übernommen hatte. Bei der Lokalisierung von Kameras stützten sie sich im Wesentlichen auf die Namen der Ordner, in denen die Videos auf der ungarischen Festplatte lagen, manchmal führten sie ergänzend eine Recherche mit Maps oder Streetview durch. Es waren offenkundig auch schon Bearbeitungen vorgenommen worden, so lagen in den Ordnern z.B. bereits Screenshots. Metadaten waren nicht vorhanden. Dazu, wie die ungarischen Cops an die Videos gekommen sind, konnte Mathe nur wenig sagen. Diese könnten einfach recht schnell auf das umfassende Überwachungssystem in Budapest zugreifen. Außerdem seien sie vorbereitet gewesen, da sie damit gerechnet hätten, dass es am Wochenende des „Tags der Ehre“ Angriffe geben könnte. Ob die Videos vollständig sind, wusste er auch nicht. Dass das nicht der Fall ist, wurde aber bald klar, als er zugab, dass einige Überwachungsvideos erst auf Nachforderung zur Verfügung gestellt wurden, nachdem das LKA sie bei einer Videokonferenz mit den ungarischen Behörden in deren PowerPoint-Präsentation entdeckt hatte. Er wisse aber nicht, ob die auch in Ungarn erst später erhoben worden seien.
Etwas unterhaltsamer wurde es dann, als Mathe erklärte, wie sie mit den schriftlichen ungarischen Originaldokumenten umgegangen sind, die sie im Spätsommer 2023 übermittelt bekamen. Da offenbar beim LKA Sachsen niemand ungarisch spricht, nutzten sie Google Übersetzer, mit der überraschenden Erkenntnis, dass sie immer noch nicht so wahnsinnig viel verstanden. Daraufhin beschafften sie eine DeepL-Lizenz. Da seien zwar immer noch lustige Sachen rausgekommen, aber dafür, die wichtigen Dokumente zu identifizieren, die für das Gericht professionell übersetzt werden müssten, habe es schon gereicht. Wie genau die Auswahl getroffen wurde und warum zum Beispiel ein ganzer Aktenband nicht übersetzt wurde, wusste er nicht.
Auf Mathe folgte dann der nächste Cop vom LKA Sachsen, ein Polizeivollzugsbeamter namens Neugebauer, der den Bericht zum Angriff auf die Faschos Rafal und Justyna Barnak sowie Bartlomiej Wilk geschrieben und die Videos zusammengestellt hatte. Damit nahm die Absurdität dann Fahrt auf, denn von 10:40 Uhr bis 16:15 Uhr sollten in der Folge insgesamt 54 Videos präsentiert werden, auf denen im Allgemeinen nichts besonderes zu sehen war. Der Zeuge sollte nicht sagen, wer seiner Meinung nach auf den Videos zu sehen ist, sondern nur auf Nachfrage erklären, wo die Kamera steht und von wann das Video sei. In der Folge ging er aber immer mehr dazu über einen Livekommentar zu den Videos abzugeben, was von Hannas Verteidigung auch moniert wurde. Und so sahen wir uns Bahnen, Straßenkreuzungen und Plätze aus verschiedenen Perspektiven an (Neugebauer: „Das dient dem Zeitabgleich“) und lernten dabei nicht viel, außer dass es unmöglich ist, sich in Budapest auch nur einen Zentimeter zu bewegen, ohne von mindestens zwei Kameras erfasst zu werden. Angefangen im Haus, in dem die Beschuldigten gewohnt haben sollen (mit fünf Kameras ausgestattet), bis zum Tatort und wieder zurück wurde der Weg detailliert nachvollzogen mit dem Highlight, dass wir uns auch eine sechsminütige Trambahnfahrt in voller Länge ansehen durften. Neugebauer war sichtlich stolz, seine Arbeit aus zwei Jahren zu präsentieren, alle anderen einfach nur der Verzweiflung nahe ob der nicht enden wollenden Videoabfolge. Zumindest wurde die Unfähigkeit deutscher Behörden immer wieder zur Schau gestellt, wenn Neugebauer die Kameras verorten sollte. Wie er dutzendfach betonte, hätten sie da eine interaktive digitale Karte erarbeitet, die sie aber wegen des fehlenden Internets im Gerichtssaal nicht zeigen könnten. Daher hatte er A3-Ausdrucke mitgebracht, die jeweils unter eine Dokumentenkamera gelegt wurden. Die Erfindung des Screenshots ist wohl noch nicht in alle LKA-Abteilungen vorgedrungen
Und so zog und zog sich der Tag, der höchstens hin und wieder etwas zum Schmunzeln anregte, wenn Neugebauer erklärte, dass jemand an der Lichtzeichenanlage verharre (an der Ampel stehen wäre auch zu einfach ausgedrückt) oder sich einen Gegenstand ans Ohr halte („Telefonieren“ wäre ja eine Interpretation). Nach der Mittagspause war der Publikumsbereich schon etwas leerer, um 16:11 Uhr hatten es dann alle geschafft, leider in dem Wissen, dass wir in der Chronologie erst kurz nach dem vermeintlichen Angriff (der übrigens auf keinem Video wirklich erkennbar war) angekommen waren und es am nächsten Tag genauso weitergehen würde.